Nockpunkt ausschießen

Den Nockpunkt am Compoundbogen auszuschießen ist keine Raketenwissenschaft. Auch wenn das gerne mal so dargestellt wird.

Sehr oft liest man auf diversen Plattformen die Frage nach der richtigen Nockpunkthöhe beim Compound. Darauf folgt in der Regel dann die Antwort, dass man den Nockpunkt ausschießen müsse. Auf die Nachfrage, wie das denn geht, werden die Antworten dann schon weniger.

Neben Rohschafttest und Papiertest, welche beide nur bedingt bis gar nicht taugen, kommt nur wenig verwertbares. Das ist ein wenig schade. Denn es gibt so viele Methoden, um den Nockpunkt auszuschießen. Eine der einfachsten und praktikabelsten soll hier vorgestellt werden. Zunächst jedoch schauen wir uns an, warum der Nockpunkt ausgeschossen werden muss.

Warum es nicht die eine, richtige Nockpunkthöhe gibt

Am liebsten wäre es uns Schützen natürlich, wenn es eine fest vorgegebene, ideale Nockpunkthöhe gäbe, die man einfach einstellen könnte.

Leider funktioniert das nicht, weil individuellen Voraussetzungen wie Letoff, Camdesign und Auszugslänge auch individuelle Einstellungen verlangen. Wie schnell wird der Pfeil beschleunigt? Wie lange wird er von der Auflage geführt? Ist der Schub gleichmäßig oder hat er einen Peak? Das alles sind Parameter, die Einfluss auf das Verhalten des Pfeils beim Abschuss nehmen. Um das zu verstehen, muss man sich nur Highspeedaufnahmen im Internet ansehen.

Da wird man erkennen, dass der Pfeil nahezu immer eine Art reitende Bewegung auf der Auflage vollzieht. Das ganze könnte man technisch sicherlich elegant beschreiben aber im Prinzip geht es bei der richtigen Nockpunkthöhe nur darum, dass der Pfeil so ruhig wie möglich aus dem Bogen kommt.

Damit das klappt, müssen zwei Voraussetzungen erfüllt werden. Zum einen die sogenannte „Clearance“, also das berührungsfreie Verlassen des Pfeils vom Bogen. Und zum anderen soll durch die richtige Position des Nockpunktes das „reiten“ auf der Auflage und damit die Höhenstreuung minimiert werden.

Und an irgendeiner Stelle ist dies der Fall. Diese Stelle gilt es zu finden. Die Amerikaner nennen das liebevoll „Sweet Spot“.

Übrigens muss dass gar nicht mal so exakt sein. In einem der Bücher „Compound schießen aber richtig*“ steht ein wunderbarer Satz: „die Zehn ist kein Punkt, sondern eine Fläche“. Und eine hohe Zehn zählt genausoviel wie eine tiefe. Dasselbe gilt für die Nockpunkthöhe. Auch hier hat man einen gewissen Spielraum, innerhalb dessen der Bogen perfekt funktioniert.

Um diesen Punkt zu finden, gibt es mehrere Möglichkeiten. Doch der Reihe nach. In einem ersten Schritt muss die „Clearance“ sichergestellt werden. Die Befiederung darf nirgendwo den Bogen berühren. Weder die Pfeilauflage, noch das Bogenfenster, die Kabel oder gar das Scope. Deshalb fangen wir auch damit an.

Schritt 1: Clearance sicherstellen

Hierzu eignet sich der Pudertest perfekt. Den führt man am besten mit Puder oder Trockenshampoo durch. Darüber hinaus benötigen wir noch etwas Lippenstift.

Als erstes besprühen wir das Ende des Pfeils beispielsweise mit Trockenshampoo und die Kanten der Befiederung bestreichen wir mit etwas Lippenstift (falls keiner vorhanden ist und von einem Familienmitglied zweckentfremdet werden muss: nicht erwischen lassen ). Vor dem Schießen Bogen und Scope gut reinigen, so dass Spuren auch gut zu erkennen sind.

Nun schießt man ein paar Pfeile und schaut sich die Schleifspuren auf dem Schaft an. Diese sollten mindestens fünf Zentimeter vor der Befiederung enden. Wenn eine Auflage mit Federblech oder Prongs verwendet wird, spielt es übrigens keine Rolle, ob beide Schleifspuren gleich lang sind. Es geht hier nur darum, dass die Befiederung keinen Kontakt zur Pfeilauflage hat. Die längste Schleifspur sollte also fünf Zentimeter vor der Befiederung enden.

Wenn alles passt, suchen wir an den Kabeln, dem Bogenfenster, sowie dem Scope nach Lippenstiftspuren. Dabei genau hinsehen, denn je nach Farbe des Bogens sind diese manchmal nur schwer zu erkennen. Oft ist nur ein schwacher Fettstreifen zu sehen.

Wenn auch hier alles im grünen Bereich ist, passt die Clearance und es kann ans ausschießen der Nockpunkthöhe gehen. Nur wie?

Die beste Methode, um die Höhe des Nockpunktes auszuschießen

Wie bereits angedeutet, existieren gleich mehrere Möglichkeiten, um die Nockpunkthöhe zu bestimmen. Schauen wir uns die gängigsten einmal an.

  • Papiertest
  • Rohschafttest
  • Pudertest
  • Streifentest
  • Während des Schießens

Es existieren noch einige mehr wie zum Beispiel Filmaufnahmen mit einer Highspeedkamera aber hier soll es primär um die bekanntesten gehen.

Der Papiertest ist von allen am ungeeignetsten, wie an anderer Stelle noch beschrieben wird.

Besser funktioniert der Rohschafttest, der jedoch nur fortgeschrittenen Tunern und Schützen zu empfehlen ist. Man kann die Ergebnisse des Rohschafttests durch Nockendrehen und Torque enorm beeinflussen. Wer da nicht zu 100% weiß was er tut, wird am Rohschafttest keine Freude haben.

Ähnlich verhält es sich mit dem bereits vorgestellten Pudertest. Er ist zwar einer der effektivsten – kann aber je nach Setup und Schießstil den Schützen zur Verzweiflung treiben, wenn sich die Schleifspuren mal wieder nicht so verhalten wollen wie zu erwarten wäre. Insbesondere wer keinen vernünftigen Papiertest schafft, wird auch mit dem Pudertest kein aussagekräftiges Ergebnis bekommen. Aber dazu wie gesagt an anderer Stelle mehr.

Am bequemsten funktioniert das Ausschießen der Nockpunkthöhe, wenn man die ungefähre Einstellung kennt und die Korrektur während des Schießens quasi nebenbei erledigen kann. Leider ist das nur ausgesprochen fortgeschrittenen Schützen möglich, so dass auch diese Methode hier keine Option darstellt.

Gewinner ist deshalb der Streifentest. Mit ihm lässt sich der Nockpunkt relativ schnell und einfach ausschießen. Und das beste ist: er wächst mit den Fähigkeiten des Schützen mit! Und so funktioniert er.

Schritt 2: Nockpunkt ausschießen mit dem Streifentest

Nachdem sichergestellt wurde, dass der Pfeil den Bogen berührungsfrei verlassen kann, dient dieser zweite Schritt dazu, die Höhenstreuung zu minimieren. Und zwar auf allen Entfernungen! Denn wenn die Nockpunkthöhe auf 30m passt, heißt das noch lange nicht, dass dies auch auf allen anderen Entfernungen so sein muss. Aber der Reihe nach.

Überhöhung ja oder nein? Und wenn ja, welche?

Immer wieder liest man die Empfehlung, bei exakt 90°, also null Überhöhung zu beginnen. Diese Empfehlung kommt aus Amerika und damit aus dem Jagdbereich, wo fast ausschließlich Fallaway Rests – also Klappauflagen verwendet werden. Und da passen die 90° nahezu immer.

Tatsächlich ist es egal, an welcher Position begonnen wird. Es muss ja ohnehin optimiert werden. Damit wir aber nicht in zwei Richtungen arbeiten müssen, starten wir an einem Ende der Möglichkeiten.

Die meisten Bögen funktionieren mit 90° oder einer Nockpunktüberhöhung besser als mit einer Unterhöhung. Deshalb starten wir auch mit einer Unterhöhung. Ein guter Wert sind ein bis zwei Millimeter.

Was wird verstellt – Nockpunkt oder Pfeilauflage?

Compounder haben es etwas leichter beim Tuning als Recurver. Wir haben zwar mehr Tuningmaßnahmen, können dafür aber fast immer an irgendeinem Schräubchen drehen, anstatt zu knoten, wickeln oder bauen. So auch hier. Es ist natürlich weitaus bequemer, die Höhe der Pfeilauflage zu verändern, als jedes mal den Nockpunkt neu zu wickeln. Und deshalb machen wir das auch so.

Allerdings muss man dann auch in Kauf nehmen, dass sich die Position des Pfeils im Verhältnis zur Buttonbohrung ändert. Wer also Wert darauf legt, dass der Pfeil mittig auf Höhe der Buttonbohrung läuft, wird um das häufige wickeln oder knoten nicht herum kommen.

Es besteht jedoch kein Grund, auf dieser Position zu beharren. Wir sprechen hier von maximal acht, vielleicht neun Millimeter Differenz und diese verursachen keinen messbaren Unterschied. Wer es nicht glaubt, einfach ausprobieren. Aber zurück zum Test. Wir starten also mit einer Unterhöhung von 1-2 mm.

Dann schießen wir auf einen Papiertsreifen, welchen wir horizontal auf einer Scheibe befestigen. Die Breite des Streifens bestimmt man am besten, indem man sich am Durchmesser der Zehn einer Auflage orientiert, die man auf der geschossenen Entfernung verwenden würde. Wer fortgeschritten ist, verzichtet auf den Streifen und zielt auf den Rand einer Auflage.

Immer auf zwei Entfernungen schießen

Ganz wichtig ist es, den Test auf zwei Entfernungen zu machen. Die kurze Distanz dient dabei der Einstellung und die lange zur Kontrolle. Die lange Distanz ist doppelt so weit entfernt wie die kurze. Das vereinfacht die Kontrolle, denn wir können die Faustformel verwenden, nach der sich bei doppelter Entfernung auch die Streuung verdoppelt.

Nehmen wir nun an, wir haben als kurze Distanz 25m gewählt und schießen nun ca. drei Passen à sechs Pfeile auf unseren Streifen. Wie immer bei solchen Tests werten wir schlechte Schüsse nicht. Dann messen wir die Höhenstreuung. Beträgt diese beispielsweise durchschnittlich 4,5 Zentimeter, dann sollte sie auf 50m nicht mehr als durchschnittlich 9 Zentimeter betragen.

Wir als Schützen schießen ja immer gleich. Wenn also die Streuung auf weiten Distanzen überproportional zunimmt, dann liegt es nahezu immer am Material. Und wenn alles andere am Bogen stimmt, kann es in diesem Fall nur die Nockpunkthöhe sein.

Aber nochmal zurück zur eigentlichen Einstellung. Wir schießen also unsere drei Passen auf der kurzen Distanz und messen in jeder Passe die Höhenstreuung. Daraus bilden wir einen Schnitt und notieren diesen.

Nun senken wir die Pfeilauflage um einen Millimeter ab (was einer Erhöhung des Nockpunktes um 1mm entspricht) und schießen erneut drei Passen. Das durchschnittliche Ergebnis der Höhenstreuung notieren wir uns wieder und senken die Pfeilauflage um einen weiteren Millimeter ab. Dann schießen wir wieder, notieren uns das Ergebnis und so weiter…

Im Normalfall sollten wir beobachten können, dass die Höhenstreuung mit jeder Veränderung weniger wird, bis wir an einen Punkt kommen, an dem sie wieder zunimmt. Genau diesen Bereich suchen wir. Denn das ist die ideale Position unseres Nockpunktes und wir werden festgestellt haben, dass es sich dabei nicht um einen fixen Punkt „X“ handelt, sondern uns ein Verstellbereich zur Verfügung steht, innerhalb dessen die Höhenstreuung am niedrigsten ist.

Kontrolle

Nun schießen wir zur Kontrolle mit dieser Nockpunkteiunstellung auf die lange Distanz. Im Normalfall wird das Ergebnis passen und die Höhenstreuung nicht mehr als doppelt so groß sein. Wenn doch, dann nutzen wir unseren Verstellbereich, um auf der langen Distanz die Höhenstreuung nach demselben Prinzip wie oben beschrieben zu minimieren.

Damit ist der Nockpunkt ausgeschossen und das Ergebnis sollte – wie immer – unverzüglich in den Bogenpass eingetragen werden.

Anmerkung zum Schluss

Der Nockpunkt kann nur vernünftig ausgeschossen werden, wenn Timing und Synchronisation stimmen. Daran führt kein Weg vorbei. Alles andere ist nicht ganz so dramatisch aber Timing und Synchronisation müssen passen!

Wer noch nicht ganz so gut schießt, sollte statt drei Passen eher fünf anvisieren, um ein aussagekräftigeres Durchschnittsergebnis zu erhalten.

Nachdem die Höhe ausgeschossen ist, empfiehlt es sich, nochmals den Pudertest zu machen, um sicher zu gehen, dass auch nach der Veränderung durchs Ausschießen die Clearance noch gewährleistet ist.

Tuning funktioniert wechselseitig, so dass man jede Maßnahme ohnehin mehrfach ausführen muss. Jede vorgenommene Änderung kann einen anderen Bereich beeinflussen, so dass man sich quasi zum Ideal „hochschaukeln“ muss.

Und natürlich gilt auch hier wieder die alte Regel: es kann nur so gut getunt werden wie geschossen und umgekehrt.

Und nun viel Erfolg beim Nockpunkt ausschießen.

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