Die Funktionsweise des Compoundbogen

Bild zeigt einen grünen Prime Rival Compoundbogen mit Doinker StabilisationDer Compoundbogen ist schneller und präziser als jede andere Bogenart. Aber warum eigentlich? Schließlich ist es doch auch „nur“ ein Bogen.

Besonderheiten eines Compoundbogens

Ein Compoundbogen ist tatsächlich zunächst einmal „nur“ ein Bogen. Es gibt prinzipiell auch keinen Unterschied zum Recurve- oder Langbogen.

Denn jeder Bogen kann nur die Energie abgeben, die der Schütze zuvor durch das Ausziehen in den Wurfarmen gespeichert hat.

Durch den Auszug biegen sich die Wurfarme und speichern eine bestimmte Menge an Energie.

Lässt der Schütze die Sehne los – wir sprechen hier vom „lösen“ – schnellen die Wurfarme in ihre ursprüngliche Position zurück und beschleunigen dadurch den Pfeil.

Nach diesem Prinzip funktionieren alle Bögen. Der Compoundbogen kann nur manches etwas besser als ein Recurvebogen.

Das hängt mit seiner Konstruktion zusammen. Der wichtigste Unterschied ist sicherlich das Letoff.

Wenn man es übersetzen möchte, könnte man auch Ablass dazu sageDas Bild zeigt eine Amazone, die einen Recurvebogen schießtn. Das bedeutet nichts anderes, als dass man am Ende des Auszugs deutlich weniger Gewicht halten muss.

Spannt man einen traditionellen Bogen, biegen sich die Wurfarme mit jedem Zentimeter Auszug mehr. Und je weiter man den Bogen auszieht, desto größer wird der Widerstand.

Das führt dazu, dass das höchste Gewicht genau dann gehalten werden muss, wenn man es eigentlich am wenigsten gebrauchen kann, nämlich beim zielen im Vollauszug.

Beim Compound stellt sich dieses Problem nicht. Denn durch die Exzenterrollen, den sogenannten Cams, oder Camwheels findet dieser bereits angesprochene Ablass – das Letoff – statt, welches das Endzuggewicht um mehr als die Hälfte reduziert.

In der Regel beträgt das Letoff zwischen 65% und 80%. Das bedeutet, dass man selbst bei einem 60 Pfund Bogen zwar einmal die volle Pfundzahl ziehen muss, am Ende des Auszugs aber nur zwischen 28 Pfund und 12 Pfund halten muss.

Diesem Umstand verdankt der Compound den Großteil seiner Präzision. Durch das geringe Endhaltegewicht im Vollauszug kann man sich auf das konzentrieren, was beim Schießen generell am wichtigsten ist: das zielen.

Und dieses Letoff ist der einzig „echte“ Unterschied zwischen Compound- und anderen Bögen.

Das Bild zeigt ein Truball HBC ReleaseDarüber hinaus bietet der Compound aber auch noch einen weiteren Vorteil im Vergleich zu anderen Bögen.

Es ist nämlich eine Lösehilfe erlaubt.

Man kann einen Compound zwar auch blank – also nur mit den Fingern lösen; allerdings ist der Standard das lösen mit einer Lösehilfe, dem sogenannten Release Aid.

Und dieses Release erlaubt ein nahezu von äußeren Einflüssen unbeeindrucktes Lösen der Sehne.

Wenn man einen Bogen mit den Fingern löst, rutscht die Sehne über die Fingerkuppen. Da die Finger sich immer langsamer öffnen als ein mechanisches Release, wird das eine das andere beeinflussen.

Beim Recurve schiebt die Sehne aufgrund der höheren Endhaltekräfte die Finger zur Seite. Beim Compound ist das anders, da dieser zu diesem Zeitpunkt die geringste Endhaltekraft aufweist.

Die höchste Belastung liegt dann auf den Kabeln und die Sehne bietet kaum noch Widerstand. Je nach Höhe des Letoffs gibt man der Sehne also immer eine seitliche Auslenkung mit.

Das wird mit einem Release verhindert. Der Haken des Releases hakt im Idealfall direkt hinter dem Pfeil in einer Schlaufe (Loop) ein und gibt diese auch in gerader Linie wieder frei, so dass keinerlei seitliche Einflüsse auf die Sehne stattfinden.

Natürlich ist auch hier genug Raum für Fehler des Schützen aber technisch gesehen ist ein nahezu perfektes lösen möglich, was mit den Fingern schon prinzipiell nicht geht.

Unabhängig davon gibt es natürlich auch beim Compound seitliche Einflüsse – Nocktravel genannt.

Die haben aber nichts mit dem Lösen zu tun, sondern sind einer eventuell vorhandenen Neigung der Cams und/oder dem Centershot geschuldet. Dazu aber mehr im Technik und Tuning Teil.

Wie funktioniert ein Compoundbogen?

Wie schon gesagt, auch ein Compound ist „nur“ ein Bogen. Allerdings funktioniert er etwas anders als ein klassischer Bogen. Bei klassischen Bögen ist die Sehne direkt mit den Wurfarmenden verbunden. Zieht man nun an der Sehne, biegen sich die Wurfarme und speichern so Energie, welche sie nach dem lösen an den (hoffentlich) eingelegten Pfeil abgeben.

Das Zusammenspiel von Sehne und Kabel

Beim Compoundbogen ist die Sehne nicht direkt mit den Wurfarmen verbunden, sondern mit den Cams und ist auf diesen ein Stück weit aufgerollt. Das ist aber noch nicht alles. Je nach Camtyp sind noch Kabel vorhanden, welche direkt von Cam zu Cam oder von Cam zu Wurfarm laufen.

Bild zeigt ein Compound Cam eines Prime RivalZieht man nun an der Sehne eines Compounds, wird dadurch die Sehne von den Cams abgerollt und versetzt diese in Rotation, was dazu führt, dass gleichzeitig die Kabel auf den Cams aufgerollt werden. (Dies gilt übrigens auch für Singlecam Bögen. Nur mit dem Unterschied, dass dort eben nur eine Cam arbeitet.)

Durch das einrollen der Kabel verkürzt sich natürlich die Strecke zwischen den beiden Cams. Und da die Kabel sich nicht längen, muss irgendetwas anderes nachgeben. Und das sind – wie auch bei traditionellen Bögen – die Wurfarme.

Je größer der Widerstand dieser Wurfarme ist und je länger der Auszugsweg, desto schwerer ist der Bogen zu ziehen und desto mehr Energie wird in den Wurfarmen gespeichert. Ein weiterer Faktor ist auch noch das Design der Cams. Also ob es sich um Soft, Medium oder Hardcams handelt.

Löst man nun die Sehne, läuft der ganze Vorgang in umgekehrter Reihenfolge ab. Die Kabel werden von den Cams abgerollt und die Sehne wieder aufgerollt.

Die Bewegungsenergie der beiden Wurfarme addiert sich bei perfekter Synchronisation der Cams in der Mitte der Sehne und beschleunigt den dort eingenockten Pfeil.

Dieser löst sich von der Sehne, sobald diese eine Position erreicht hat, von der aus sie sich nicht mehr weiter nach vorne bewegen kann.

Das Letoff

Oft hört man, das in Verbindung mit dem Compound vom Flaschenzugprinzip gesprochen wird. Dies ist jedoch falsch. Zwar wurden frühe Compoundmodelle so gebaut. Um jedoch ein effektives Letoff zu erreichen, müsste die Anzahl der Rollen größer sein.

Tatsächlich erreichen moderne Compounds ihr Letoff durch die einfache Hebelwirkung. Die Cams sind außerzentrisch aufgehängt, wodurch sich der Hebelarm mit zunehmendem Auszug verändert. Die Sehne dreht das Cam nach außen weg, wodurch sich der Hebelarm verlängert.

Das Zuggewicht steigt so zunächst stetig an, bis es das Gipfelzuggewicht (Peakweight) überschreitet. Danach fällt es rapide ab. Das Letoff ist erreicht. Wie schnell das Zuggewicht auf das Maximum ansteigt, wie lange man das Maximum ziehen muss, wie sanft oder abrupt der Bogen ins sogenannte Tal fällt und wie hoch dann letztendlich das Letoff ausfällt, ist vom Camdesign und der verwendeten Einstellung abhängig.

Das Bild zeigt eine Feder, die in der Luft schwebtDas Letoff kann übrigens tatsächlich 100% betragen. Möglich ist dies beispielsweise bei den Binary Cams. Die kann man ohne Stopps nämlich überziehen. Allerdings ist der Bogen dann nicht mehr schießbar, denn man muss die Cams manuell anschieben, was eine sehr gefährliche Situation darstellt.

Die Pfeilbeschleunigung

Da ein Compound im Vollauszug dank des Letoffs mit einer deutlich geringeren Endhaltekraft gehalten wird, dauert es natürlich auch entsprechend länger, bis die volle kinetische Energie der maximalen Zugkraft des Bogens auf den Pfeil einwirken kann.

Dadurch beschleuningt ein Compoundbogen den Pfeil sanfter als ein Recurve, bei dem nach dem lösen sofort die höchste Energie auf den Pfeil wirkt. Welche Auswirkungen dies hat, wird im Tuning Teil ausführlich besprochen.

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